Auf den heutigen Ausflug hatte ich mich besonders gefreut. Denn einerseits versprach ich mir wieder einmal eine entspannte Fahrt mit Direktzug ab Frankfurt. Außerdem ist die Verbindung nach Koblenz mit dem Regionalverkehr eine der schönsten Bahnstrecken. Gemütlich windet sich der Zug entlang von Weinbergen auf der rechten und begleitet von Vater Rhein auf der linken Seite durch Ortschaften im Rheintal, eine schöner als die andere. 
„Und heute Abend kannst du ja dann endlich dein Paket abholen, das schon eine Woche auf der Post liegt“, bestärkt mich meine Freundin.

Der Bahnsteig ist voll wie der Schützenkönig von Darup. Die schöne Bahnstrecke werde ich wohl heute nicht genießen können. So wie es aussieht, muss ich froh sein, überhaupt mitgenommen zu werden. 
„Information zu RB 10 nach Koblenz Hauptbahnhof“ Der Bahnhofsprecher klingt nicht verheißungsvoll. „Abfahrt 13.08 Uhr. Heute ca. 15 Minuten später. Grund dafür ist ein Erdrutsch“. Ach, du dicke Eiche. Das hat mir gerade noch gefehlt. Nicht nur, dass mir die verbleibende Zeit in Koblenz so langsam verrinnt wie Sand durch die Finger. Sollte die Strecke wirklich einem Erdrutsch unterliegen, gibt es keine direkte Verbindung mehr dorthin. Und auch nicht zurück. 

Alternativen gesucht

Ich überlege kurz und gehe mögliche alternative Ziele durch. In den nächsten zehn Minuten wiederholt der Lautsprecher die Durchsage und korrigiert die Verspätung zuerst auf 30 Minuten nach oben, dann wieder auf 15 Minuten nach unten. Schließlich setzen wir uns mit einer Verspätung von einer Dreiviertelstunde dann in Bewegung. 

Die Rucksäcke wollen sich nicht vom Bahnhof trennen

„Bitte die Tür freigeben“, mahnt der Schaffner über die Bordlautsprecher. Dicht gedrängt stehen Touristen im Eingangsbereich. Sie sind drin, aber ihre Rucksäcke wollen sich noch nicht vom Bahnhof trennen. Nach fünf Minuten immer lauter und energisch werdendem Zureden durch weitere Mitfahrende, hat es Romeo endlich verstanden. Er nimmt seine Tasche von seinem Rücken und wir können unsere Reise fortsetzen. 

Als in Wiesbaden – man mag es kaum glauben – noch mehr Menschen den Weg in diesen Zug finden, trifft der Zugführer eine Entscheidung, die bislang unmöglich gewesen schien. „Alle Sitzplätze der 1. und 2. Klasse können genutzt werden. Verteilen Sie sich bitte so, dass noch Bewegung möglich ist.“ Im Rheintal gibt es keinen Klassenkampf; hier sind alle Menschen gleich. Zumindest im Zug. 

Unterwegs in Koblenz

In Koblenz lohnt in jedem Fall ein Besuch des „Deutschen Eck“, einer Landzunge am Zusammenfluss von Mosel und Rhein – allerdings muss hierfür erst eine Hürde überwunden werden. Der Abgang vom Gleis in die – sagen wir einmal – Bahnhofshalle ist nämlich in etwa so breit wie die Tür des Regionalexpresses. Auf dem gangbreiten Bahnsteig mischt sich der übervolle Zug, der uns hierher gebracht hat mit all jenen, die durch ihn wieder weggebracht werden wollen. Und alles zwängt sich durch das beschriebene Nadelöhr.  

Der Deutsche Ritterorden gründete an der Stelle des heutigen Deutschen Ecks im 13. Jahrhundert eine Niederlassung, wenngleich auch die Landzunge selbst erst im 19. Jahrhundert künstlich erschaffen wurde, um darauf ein 63 Tonnen schweres und 37 Meter hohes Denkmal Kaiser Wilhelm I. zu errichten. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, dient das Denkmal heute als Mahnmal zur Deutschen Einheit. So finden sich hier drei Originalteile der Berliner Mauer sowie die 16 Fahnen und Wappen der Bundesländer. 
Auf dem Gelände vor dem Denkmal finden im Sommer regelmäßig Veranstaltungen statt, darunter das beliebte und sehenswerte Feuerwerkspektakel „Rhein in Flammen“. 

Zwei Stunden später als geplant werfe ich mich auf die Couch. Das Paket kann ich heute wieder nicht abholen.

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Hi, ich heiße Martin und ich verreise für mein Leben gern. Dabei liebe ich vor allem jene ganz besonderen Momente, die einen Augenblick erst unvergesslich machen. Momentan bin ich unterwegs mit dem 9-Euro-Ticket. Jeden Tag fahre ich mit dem Nahverkehr zu einer anderen Sehenswürdigkeit in Deutschland. Über meine Erfahrungen vom „Sommer in vollen Zügen“ - von interessanten Weggefährten auf Zeit und ihren Geschichten, von verpassten Anschlüssen und geänderten Wagenreihungen - berichte ich hier in meinem Reiseblog. Folgt mir gern auf meiner Reise quer durch Deutschland - und das alles mit dem Nahverkehr!

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