Heute steht nur eine kurze Bahnreise auf dem Programm. Das Ruhrgebiet ist wie eine einzige, große Metropole. Städte scheinen aneinander gereiht und gehen ineinander über. Und Sehenswürdigkeiten ganz unterschiedlicher Art haben (fast) alle zu bieten. 

Ich beobachte das Treiben an den beiden geöffneten Schaltern im Reisezentrum. Wenn man wartet, erscheint einem die Zeit ja bekanntlich viel langsamer zu vergehen als wenn man etwas genießt. Das Einkaufskassen-Phänomen: die Zeit in der Schlange vor einer Kasse im Supermarkt wird von den meisten wesentlich länger eingeschätzt als sie es tatsächlich war. Uhrenvergleich.

Großeinkauf am Bahnschalter

Die ältere Dame scheint entweder etwas ganz Großes vorzuhaben oder die Arme hat heute, wo die Arztpraxen geschlossen sind, keinen Gesprächspartner. In der Zeit, die die Beste für den Kauf einer Fahrkarte benötigt, haben andere schon eine komplette Wohnzimmergarnitur gekauft, nach Hause transportiert und aufgebaut. 

Als dann endlich meine Nummer an der Reihe ist, kann ich mich auf das Beratungsgespräch, auf das ich ja die vergangenen siebenunddreißig Minuten hingefiebert hatte, nicht so recht konzentrieren. Am Nachbartresen geht nämlich gerade der Punk ab. Ein junger Mann, so Mitte zwanzig, ist wohl aus Hagen angereist und hat offensichtlich seinen Anschlusszug nach Bielefeld verpasst. Lauthals entlädt er seinen Frust vor dem unschuldig dreinblickenden Bahnmitarbeiter. „Dann nehmen Sie jetzt die Regionalbahn von Gleis 11, und dann sind Sie um 11.25 Uhr dort“, versucht dieser die Situation zu entspannen. „Ich brauche dann aber noch ein Ticket!“ – „Da Sie ja mit der Regionalbahn unterwegs sind, können Sie das 9-Euro-Ticket nehmen“. Ein sinnvoller Vorschlag, wie ich finde. Nicht jedoch das Rumpelstilzchen. „Das 9-Euro-Ticket?“, wiederholt er einige Worte des Beratungsfachangestellten. „MIt dem fahre ich nicht, das lehne ich ab. Aus Prinzip“. Er entscheidet sich letztendlich für den Westfalentarif für etwas mehr als zwanzig Euro. Prinzipien hat er jedenfalls, das muss man ihm lassen.

Unterwegs in Oberhausen

Oberhausen ist ähnlich wie Dortmund vom Strukturwandel von der Industrie hin zu Handel und Dienstleistung betroffen. Wo früher Hüttenwerke standen und Stahl produziert wurde, entstand vor einigen Jahren auf rund 70.000 Quadratmetern das CentrO: ein Einkaufs- und Erlebniszentrum mit mehr als 200 Geschäften auf zwei Etagen, Restaurants, Bars und Diskotheken. Und alles idyllisch gelegen an der Promenade entlang eines künstlich angelegten Baches. 
Schon längst hat man sich in Oberhausen mit dieser „Neuen Mitte“ angefreundet. Doch das war nicht immer so. In den Anfängen befürchteten vor allem die im alten Stadtzentrum ansässigen Gastronomen und Kaufleute ein Aussterben der Innenstadt. 
In der direkten Nachbarschaft thront gut sichtbar der Gasometer. Einst der größte Gasbehälter Europas, wird er heute genutzt für Ausstellungen und Veranstaltungen.

Die S-Bahn ist diesmal das Transportmittel, das mich ohne Vorkomnisse und fast pünktlich wieder zurück nach Dortmund bringt.

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Hi, ich heiße Martin und ich verreise für mein Leben gern. Dabei liebe ich vor allem jene ganz besonderen Momente, die einen Augenblick erst unvergesslich machen. Momentan bin ich unterwegs mit dem 9-Euro-Ticket. Jeden Tag fahre ich mit dem Nahverkehr zu einer anderen Sehenswürdigkeit in Deutschland. Über meine Erfahrungen vom „Sommer in vollen Zügen“ - von interessanten Weggefährten auf Zeit und ihren Geschichten, von verpassten Anschlüssen und geänderten Wagenreihungen - berichte ich hier in meinem Reiseblog. Folgt mir gern auf meiner Reise quer durch Deutschland - und das alles mit dem Nahverkehr!

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