„Wo fährst du denn heute hin?“ werde ich geweckt. Schlaftrunken mache ich eine gewisse Bedrohlichkeit in Danielas Stimme aus. „Nach Würzburg.“ Es ist zwar noch dunkel, aber ich sehe ganz genau vor mir, wie sie jetzt ihre Augen rollt. „Na toll, dann sehen wir uns ja schon wieder nicht“ Die Enttäuschung in ihrer Stimme macht mir ein schlechtes Gewissen. „Und am Wochenende?“ – „Da fahre ich ins Ruhrgebiet.“ – „Dann fahre ich zu meinen Eltern!“

Damit hatte sie den Trumpf für heute ausgespielt. „Ich habe das Gefühl, wir sehen uns seit diesem dämlichen 9-Euro-Ticket überhaupt nicht mehr“. Ganz unrecht hat sie damit nicht. Ich verlasse jeden Morgen das Haus und komme erst spät Abends zurück, um dann meist noch Dinge zu organisieren, die sich von unterwegs nicht organisieren lassen. Danach falle ich wie tot ins Bett, nur um dieselbe Prozedur am nächsten Tag zu wiederholen. Tagein, tagaus. Alltags wie Sonntags. 
„Wie soll das denn jetzt noch elf lange Wochen weitergehen?“ Daniela blickt mich fragend an. Leider habe ich darauf keine Antwort. 

Regionalbahn sucht den Superstar

Und auch keine Zeit, denn der Zeitplan ist straff. Heute steht Würzburg auf dem Programm!

Mittlerweile schon Profi-Neuner, weiß ich, dass der Zug mitten in der Woche zwar voll ist, aber nicht übervoll.
„Blitzt mich an mit deinen“. Pause. Ein unerwünschter Alleinunterhalter ohne Ausschaltknopf gibt PUR zum Besten. „Mich an mit Funkelperlenaugen. Daa’s so viel für misch drin.“ Mittlerweile hat er seine Lautstärke überhaupt nicht mehr im Griff. „Sooo viel für misch drin“, wiederholt er seinen Sprechgesang. Sein Nachbar scheint Interesse gefunden zu haben. „Ist Hartmut Engler“, erklärt ihm Deutschlands neuer Superstar. „Komm mit… auf deine eigene Reise“. Mittlerweile wünscht sich der halbe Zug, er hätte sich tatsächlich auf seine eigene Reise begeben. Inzwischen wird das Erlebnis zweidimensional. Neben der Umspülung meiner Ohren mit reiner Dissonanz erreicht meine Nase nun der wohlige Geruch billigen, abgestandenen Bieres. 

Unterwegs in Würzburg

Der Überlieferung nach wurde Würzburg übrigens früher „Die sonntägliche Stadt“ genannt. Oder auch „Provinz mit Weltniveau“. Und auch, wenn die Bewohner dieser Perle am Main diese Slogans nicht gern hören mögen, es hat schon etwas Wahres an ihnen, geht hier doch alles etwas beschaulicher zu.

Zu den Must-Sees in dieser Stadt zählen in jedem Fall die Festung Marienberg – eines der beeindruckendsten Baudenkmäler, die Residenz – Weltkulturerbe und eines der bedeutendsten Schlösser Europas sowie die Alte Mainbrücke. 

Beginnen wir unseren Streifzug durch Würzburg mit der auf einem Felsplateau hoch über dem Main thronenden Festung Marienberg, heute das Wahrzeichen der Stadt. Um 1000 v. Chr. diente dieser Ort als befestigte Fliehburg und heidnischer Kultplatz, zwischen dem 13. und dem 18. Jahrhundert dann als Residenz der Würzburger Fürstbischöfe. Die heute noch sichtbaren Bastionen wurden von den Schweden errichtet, die die Burg im dreißigjährigen Krieg einnahmen. In der Festung befindet sich das Museum für Franken, in dem kunst- und kulturgeschichtliche Sammlungen über das mittlere Maingebiet ausgestellt sind. 
Die Alte Brücke, die die Altstadt mit der Festung verbindet, wird belagert von Schoppe-Trinkern auf der einen und Landschaftsmalern auf der anderen Seite.
Die Residenz der Fürstbischöfe umfasst 340 Räume und ein markantes Treppenhaus, an dessen Decke sich mit einer Fläche von rund 600 Quadratmetern eines der größten zusammenhängenden Fresken befindet. Seit 1981 gehört die Residenz Würzburg zum Weltkulturerbe der UNESCO. Das Vorzeigeobjekt des Barock ist seit 1922 ferner Austragungsort des im Sommer stattfindenden Würzburger Mozartfestes. Einige Räume der Residenz werden heute von der Universität genutzt. 

Gebettet auf Rosen

Als ich nach Hause komme, liegt Daniela schon im Bett. Ich lege den Strauß rote Rosen, den ich aus Würzburg mitgebracht habe (oder wenigstens das, was davon noch übrig geblieben ist), neben sie. „Wir schaffen das schon!“, flüstere ich ihr ins Ohr. „Du verrückter Kerl…“. Daniela dreht sich um und schläft weiter.

Author

Hi, ich heiße Martin und ich verreise für mein Leben gern. Dabei liebe ich vor allem jene ganz besonderen Momente, die einen Augenblick erst unvergesslich machen. Momentan bin ich unterwegs mit dem 9-Euro-Ticket. Jeden Tag fahre ich mit dem Nahverkehr zu einer anderen Sehenswürdigkeit in Deutschland. Über meine Erfahrungen vom „Sommer in vollen Zügen“ - von interessanten Weggefährten auf Zeit und ihren Geschichten, von verpassten Anschlüssen und geänderten Wagenreihungen - berichte ich hier in meinem Reiseblog. Folgt mir gern auf meiner Reise quer durch Deutschland - und das alles mit dem Nahverkehr!

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