Wie ein Halbautomat schiebe ich das Frühstück in mich hinein.
Die Online-Ausgabe meiner Zeitung hat wohl gestern einen Reporter nach Sylt geschickt. Scheint das reinste Chaos gewesen zu sein. Zugausfälle, Streckensperrungen, das volle Programm. Anstatt mich zu freuen, dass mir dieses Erlebnis um Haaresbreite entgangen ist, gesellt sich zu meiner Müdigkeit der Ärger über diese entgangene Erfahrung, wegen der ich mich doch eigentlich (auch) auf die Reise begeben habe. 
Aus dem Radio höre ich, dass eine Gruppe Punks Westerland eingenommen hat.

Mitten in der Pampas holt mich die Realität ein. „Aufgrund von Personen im Gleis verzögert sich die Weiterreise um unbestimmte Zeit“. Ein Klassiker. Jetzt taut auch die Partygemeinde im Zug auf. „Warum bremst denn der Kutscher dafür? Was haben die auch auf den Schienen verloren?“ Ein anderer stimmt mit ein: „Da pflückt bestimmt jemand in Lüttich 500 Meter von den Schienen Brombeeren, und zur Vorsicht wird der gesamte Bahnverkehr in Deutschland eingestellt“. 

Es hilft aber alles nichts, wir müssen raus. Die Strecke sei gesperrt, ein Schienenersatzverkehr wäre angefordert. 

Bensheim macht nicht den Eindruck, als hätte sie auf eine Zugladung Menschen gewartet. Ein Mann führt seinen Hund Gassi und sieht uns mit großen Augen an. So viel los ist vermutlich nicht einmal zur Rush Hour, und heute am Pfingstmontag schläft man um diese Zeit entweder seinen Rausch aus oder ist in der Kirche. 
Keine weitere Stunde später tut sich etwas am Firmament auf. Die Herde wird unruhig und läuft von einem Bussteig zum anderen. Tatsächlich, nach weiteren zwanzig Minuten können sich alle Wartenden in den Bus zwängen. 

Freundlich begrüßt uns der Fahrer. „Ich fahre direkt nach Berlin,“ scherzt er in die ungeduldige Menge. Wäre es nicht so eng hier und wäre ich nicht leicht im Zeitdruck, ich käme mir vor wie auf einer Kaffeefahrt. Aber im unterhaltsamen Sinn.  
„Wer kennt sich hier aus und kann mir zeigen, wie ich nach Heppenheim komme?“ War das wirklich gerade der Fahrer? Die Insassen blicken sich fragend um. Es folgt schallendes Gelächter. Ich sehe meine Chance, heute nicht nur etwas Verrücktes, sondern auch noch etwas Nützliches zu tun. 
„Ich hab’ mal hier in der Ecke gewohnt,“ gebe ich mich zu erkennen. „Gut, mein Junge, dann komm mal hier nach vorne. Du musst mich leiten.“
Schaffen wir schon. Da vorne rechts. Dann geradeaus. Hier auf die mittlere Spur. Auf die MITTLERE. Da vorne wieder rechts. HIER RECHTS. Da hinten hätten wir rechts gemusst.
Auf jeden Fall fahren wir durch wundervolle Landschaft, vorbei an Weinbergen. An Ortseingangsschildern grüßen Weinköniginnen vergangener Jahre. 

Plötzlich wird es still. Der Bus fährt entlang der Bahngleise. Blaulicht dringt durch die Fenster. Aus der Person im Gleis ist ein Personenschaden geworden. Die bislang trotz oder gerade wegen der Fülle sehr unterhaltsame Stimmung wirkt nun bedrückend. Das heitere Gelächter von eben ist mit einem Male verstummt. Sicher haben alle solche Unglücke schon zigmal in den Nachrichten gesehen. Aber so völlig unvermittelt daran vorbeizufahren, ist schon etwas anderes. 
In Laudenbach weiß ich auch nicht mehr weiter. So richtig lang habe ich nicht in der Region gelebt, und außerdem ist das ja auch schon eine halbe Ewigkeit her. Ich weiß nicht, ob der Fahrer meine Entschuldigung akzeptiert. Jedenfalls biegt er plötzlich links ab, im Kreisverkehr wieder links, dann noch einmal rechts, und schon befinden wir uns in einer Spielstraße.

Mit zwei Stunden Verspätung sitze ich endlich in Mannheim in der S-Bahn nach Karlsruhe, wo ich in einen Regional-Express nach Baden-Baden umsteige. 
Die Zeit im Zug muss ich nutzen, das Programm für heute an die nicht unerhebliche Verspätung anzupassen. Wird wohl nichts mit einem Abend zu Hause. Aller Voraussicht nach wird es wohl wieder einmal Nacht sein, bis ich dort ankomme. 

Baden-Baden gilt seit dem 19. Jahrhundert als Sommerhauptstadt Europas, da hier schon Königin Viktoria, Napoleon III. und keine Geringere als Kaiserin Sissi in den heilenden Quellen der Stadt badeten.
Viele verbinden Baden-Baden auch mit Glücksspiel, und so darf das ehrwürdige Casino natürlich auf einer Stippvisite in dieser noch immer sehr mondän anmutenden Stadt nicht fehlen. 
Ein Hauch von Luxus umweht die Nase auch in den Einkaufsmeilen Sophienstraße, Lichtentaler Straße und in den Boutiquen der Altstadt, die allesamt zum ausgiebigen Shopping-Erlebnis einladen. 
Liebhaber kunstvoll verzierter Eier dürfen natürlich auf keinen Fall das Fabergé-Museum im Zentrum versäumen. Diese privat geführte Sammlung widmet sich mit rund 1000 Exponaten, darunter auch drei originale Fabergé-Eier, seit 2009 der Geschichte des ehemals florierenden Hauses, das auf den 1846 in St. Petersburg geborenen Karl Fabergé zurückgeht, der eine Goldschmiedelehre in Frankfurt am Main absolvierte und 1872 das von seinem Vater geführte Juweliergeschäft in St. Petersberg übernahm. 
Zu den heute mit dem Namen Fabergé verbundenen Eiern kam es, als Zar Alexander III. 1884 eine Osterüberraschung für die Zarin bestellte. Bis 1917 wurden insgesamt 52 kunstvoll und reich verzierte Eier an das Zarenhaus geliefert. 

Freunde der Kultur und des Reisens mit der Deutschen Bahn sollten auf keinen Fall das Festspielhaus versäumen – untergebracht im ehemaligen Stadtbahnhof Baden-Badens. In der Bahnhofshalle befinden sich die Kassen, die Garderobe und Gastronomie, der ehemalige Wartesaal für Passagiere der 1. Klasse ist heute ebenfalls ein Restaurant. 
Das erste privat finanzierte Opernhaus Europas ist zudem mit 2500 Sitzplätzen eine der größten Spielstätten für klassische Musik. 

Trotz meiner Anpassung und das bestmögliche Zeitfenster, das ich aufgrund der doch recht turbulenten Anreise herausholen konnte, verging die Zeit heute wieder einmal viel zu schnell. Baden-Baden ist wirklich zu schade für einen einzigen Nachmittag, und ich wäre gern noch ein Weilchen hier geblieben. Aber mein Ziel ist ja der Weg, und morgen wartet bestimmt schon ein anderes Highlight auf mich. Ich bin gespannt.

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Hi, ich heiße Martin und ich verreise für mein Leben gern. Dabei liebe ich vor allem jene ganz besonderen Momente, die einen Augenblick erst unvergesslich machen. Momentan bin ich unterwegs mit dem 9-Euro-Ticket. Jeden Tag fahre ich mit dem Nahverkehr zu einer anderen Sehenswürdigkeit in Deutschland. Über meine Erfahrungen vom „Sommer in vollen Zügen“ - von interessanten Weggefährten auf Zeit und ihren Geschichten, von verpassten Anschlüssen und geänderten Wagenreihungen - berichte ich hier in meinem Reiseblog. Folgt mir gern auf meiner Reise quer durch Deutschland - und das alles mit dem Nahverkehr!

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