Ok, ihr Faulpelze, raus aus den Federn, und nicht die warmen Schühchen vergessen, es ist saukalt da draußen.

Es ist erst der vierte Tag meines Experiments, und ich fühle mich schon wie in einer Zeitschleife. So wie Wetterfrosch Phil im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ in Punxsutawney gefangen ist und jeden Tag aufs neue erlebten muss, in jener Kleinstadt, die er doch so hasst, so fühle ich mich schon jetzt. 
Nach einer sehr kurzen Nacht, in der mir so viele Gedanken durch den Kopf gingen, dass ich allein darüber ein Buch schreiben könnte, reißt mich der Wecker aus dem Tiefschlaf.

Ist es das Experiment wirklich wert, dass ich meine komplette Freizeit dafür opfere? 

Werde ich die Anstrengungen mit nur wenig Schlaf ganze drei Monate durchhalten?
„Dann bleib doch heute einfach zu Hause,“ bestärkt meine Partnerin diese Gedanken. „Immer bist du nur unterwegs“. Ein schlechtes Gewissen ist gerade das, was mir jetzt noch gefehlt hat. Aber Aufgeben war noch nie meine Stärke und ist auch jetzt keine Option. „Kannst ja mitkommen!“ – „Im Leben nicht. Mir ist es ja schon zu viel, wenn ich im ICE nach Berlin keinen Kaffee kriege.“  

Tag der Radfahrer

Die Verbindung führt mich zunächst nach Würzburg mit einem entspannten Umstieg von vierzigminütiger Dauer. Eine Gruppe Radfahrer gestattet mir einen Platz an ihrem Vierertisch. Überhaupt scheinen heute die Radler unterwegs zu sein. Die Empfehlungen, vor allem an den Wochenenden sich lieber nicht mit zwei Rädern auf die Reise zu begeben, scheinen nicht überall angekommen zu sein, und so blockiert eine Armada an Renn-, Elektro- und Stützrädern SItzplätze von unermesslichem Ausmaß. Aber Fußgänger sind es ja gewohnt, im Stehen unterwegs zu sein. Insofern ist ja dann doch wieder alles so wie es sein soll. 

„Angenehm voll hier,“ versuche ich mit den Sportlern ins Gespräch zu kommen. „Wir hatten mit mehr gerechnet,“ greift der Herr mit dem Funktionsshirt meinen Small Talk Versuch auf. Die sind wahrscheinlich alle auf dem Weg nach Sylt, denke ich etwas wehmütig. 

„Bitte machen Sie die Tür frei“

„Sie sehen doch, dass hier alles voll ist“ unterbricht ein leicht genervter Fahrgast vom Vierertisch nebenan meine Gedanken. Ich blicke herüber. Eine Sporttasche auf dem Tisch deponiert, ein rosa Schminktäschchen hat sich auf dem Sitz neben seiner mutmaßlichen Reisebegleitung bequem gemacht. Und tatsächlich zieht die ältere Dame von dannen, die irrtümlich davon ausgegangen war, dass sie sich anstelle des rosa Schminktäschchens hätte setzen können. „Bitte machen Sie die Tür frei, sonst können wir nicht weiterfahren“ mahnt derweil der Lautsprecher.  

Je länger die Fahrt dauert und je mehr Passagiere vom gefräßigen Regio verschluckt werden, desto angespannter wird die Situation im Bauch des Stahlkolosses. Die Atmosphäre im Zug ist wie in einem Umspannwerk. Es bräuchte nur noch einen winzigen Funken, und die Geschichte explodiert. 
Dieser Funken scheint in Aschaffenburg zu entspringen. „Lassen Sie uns bitte aussteigen,“ ruft eine Mitfahrerin durch den Wagen. „Hey, WIR WOLLEN HIER RAUS!“ stimmt ein ganzer Chor unisono ein. In der Lautstärke und der Stimmlage ist die Urangst zu spüren. Die Furcht davor, für immer in der Bahn gefangen zu sein. Die Außenstehenden indes können es hingegen gar nicht abwarten, endlich vom Regional-Express verschlungen zu werden. Und so drücken sie mit Nachdruck gegen diejenigen, die versuchen, eben diesem zu entkommen und auszusteigen. 
Nur ein junges Paar verbleibt mit hängenden Schultern am Bahnsteig. Sie scheinen ihr Vorhaben aufgegeben zu haben. 

Im Sambazug nach Thüringen

Inzwischen mutiert der Zug zu einem Sambawagen. Junge Männer in feschen Lederhosen und Aktivlautsprechern entern und sorgen für die Unterhaltung, die niemand bestellt und noch weniger verlangt hat. Für sie ist es eine Mordsgaudi; sie reisen wie ich nur um des Reisens Willen. Der Mensch ist halt ein Herdentier. Wenn viele eine Sache tun, muss man einfach mit. Ob man will oder nicht. Wie die Lemminge. 

Der Schaffner ist zwar unsichtbar wie die Mitarbeiter im Baumarkt, aber er macht sich alle fünf Minuten über Lautsprecher bemerkbar. „Aufgrund der Überfüllung des Zuges besteht die Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske“ Großes Gelächter macht sich im Wagen breit. „Bitte beachten Sie: Der Übergang in die 1. Wagenklasse ist nicht gestattet“ – „Die Upper Class darf nicht gestört werden“ ist die Antwort meines Abteils. Proletarier aller Länder vereinigt euch!

Unterwegs in Weimar

In Weimar jedenfalls ist Geschichte erlebbar wie in kaum einer anderen Stadt. Dicht an dicht stehen hier Denkmäler berühmter Zeitgenossen, allen voran das wohl beliebteste und bekannteste Denkmal der erwähnten Dichter auf dem Platz vor dem Deutschen Nationaltheater. Das von Ernst Rietsche erschaffene und 1857 eingeweihte Standbild lässt beide Künstler gleich groß erscheinen, obwohl Schiller der Größere von beiden war. Auf diese Weise wollte Ritesche die gleich große Bedeutung Beider für die deutsche Literatur hervorheben.

Da Weimar 1999 Kulturhauptstadt Europas war, wurden die Gebäude, die die Weimarer Klassik repräsentieren, liebevoll und im Detail restauriert. Ein Rundgang durch die Gassen des Klassischen Weimars lässt Geschichte lebhaft werden. Kein Wunder also, dass es 1998 von der UNESCO mit dem Titel Weltkulturerbe geadelt wurde.

Heute Nacht muss ich nicht nach Hause. Heute Nacht schlafe ich bei einem Studienkollegen in Weimar.

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Hi, ich heiße Martin und ich verreise für mein Leben gern. Dabei liebe ich vor allem jene ganz besonderen Momente, die einen Augenblick erst unvergesslich machen. Momentan bin ich unterwegs mit dem 9-Euro-Ticket. Jeden Tag fahre ich mit dem Nahverkehr zu einer anderen Sehenswürdigkeit in Deutschland. Über meine Erfahrungen vom „Sommer in vollen Zügen“ - von interessanten Weggefährten auf Zeit und ihren Geschichten, von verpassten Anschlüssen und geänderten Wagenreihungen - berichte ich hier in meinem Reiseblog. Folgt mir gern auf meiner Reise quer durch Deutschland - und das alles mit dem Nahverkehr!

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